Wie ein Gerücht entsteht…

Was für eine tolle Gruppe, mit der ich das Glück habe, Radio machen zu dürfen. Wenn ich richtig gezählt habe, können wir mit 5 Zungen reden. Türkisch (Wiesel/Fatma), Kroatisch/Serbisch (Anita und Lorena), Polnisch (Daniel), Hindu und Pandschabi (Moni), Rumänsich (Zegi). Was für ein Schatz, den wir da gehoben und geborgen haben.

Wir haben uns darauf geeinigt, dass es in unserem ersten Beitrag ums Hören – Hinhören und Zuhören gehen soll. Wir wollen also das, was Radio ausmacht, zum Gegenstand unserer Auseinandersetzung machen: Was heißt eigentlich Hören, was bedeutet Hinhören und wie können wir den Unterschied zwischen Hören, Hinhören und Zuhören an Beispielen festmachen? Das wird uns nun sicherlich die nächsten Wochen beschäftigen. Eine Radiosendung übers Hören? Das ist doch fad, werdet ihr vielleicht denken. Wie viel Spaß es aber machen kann darüber nachzudenken, worin diese Unterschiede bestehen, habt ihr – hoffe ich – und die Fotos beweisen es, schon im ersten Workshop erfahren.

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Wir haben uns damit beschäftigt, wie ein Gerücht entsteht. Bei Gerüchten, die in Umlauf geraten, stellen wir unsere Ohren nicht auf Durchzug. Da sind wir plötzlich ganz Ohr. Wir hören plötzlich konzentriert zu. Warum ist das so? Weil es wie ein Geheimnis daher kommt? Als Preisgabe von etwas, das man eigentlich für sich behalten sollte? Weil wir gerade das hören wollen, was nicht für unsere Ohren bestimmt war oder ist? Weil’s geflüstert wird und wir zuerst schwören müssen, dass wir es niemandem weiter sagen? Weil uns da ein Vertrauen geschenkt wird, das wir verdienen wollen? Wie gehst du selbst mit solchen Geheimnissen um, die dir anvertraut werden? Bleiben sie wirklich bei dir? Gibst du sie wieder unter dem Siegel der Verschwiegenheit weiter?

Hast du gewusst, dass in Südosteuropa Menschen die Hautfalte am Kehlkopf herausziehen, wenn sie schwören? Was so viel heißt wie „Ich geh dir an die Gurgel, wenn …“ Inder schwören bei Shiva, Muslime bei Allah, Christen bei Gott. Immer ist das Leben der Mutter im Spiel oder dein eigenes. Ich schwöre bei Gott oder dem Leben meiner Mutter oder ich soll tot umfallen, wenn ich das weiter sage. Das heißt, wir sind bereit einen sehr hohen Preis zu zahlen, um dieses Geheimnis zu erfahren. Oder tun wir nur so, als wären wir dazu bereit und machen das Hexenkreuz?

„Hast schon g’kört?“ Was? Was? Du darfst es aber nicht weiter sagen. Ich? Du kennst mich doch. Das bleibt bei mir. Das bleibt unter uns.“

Wie ein Grab zu schweigen versprichst du. Jetzt erst – nach diesem Ritual – ist für den Sender der Botschaft erreicht, was er bezweckt hat: Die höchste Stufe der Aufmerksamkeit. Wenn es LehrerInnen gelingen sollte, ihren Unterrichtsstoff als Gerücht oder Geheimnis zu verkaufen, dann hätten sie jede Stunde die aufmerksamsten Zuhörer. Das geht nicht. Trotzdem wissen wir jetzt, mit welchen Mitteln wir Aufmerksamkeit erzielen können. Sag etwas im Flüsterton, sag’s hinter vorgehaltener Hand, sag’s so, als wärest du der einzig Auserwählte, der das, was du jetzt sagen willst, wissen darf, und du hast erreicht, worum wir uns alle – und meistens erfolglos – so bemühen: Um Aufmerksamkeit.

Das dürfen wir allerdings nicht übertreiben. Wenn wir nur noch flüstern und in Wirklichkeit nichts zu sagen haben, hört uns schnell keine/r mehr zu.

Wie ist das, wenn du laut wirst? Wie lange kannst du laut sein. Richtig laut? Nina sagt, wenn sie richtig laut wird, schlägt ihre Stimme um und sie fangt an zu quietschen. Stell dir vor, du bist wütend und wirst laut und immer lauter, bis du quietschst. Du wirst das Gegenteil von Aufmerksamkeit erreichen. Nach einer Schrecksekunde wird man dich fassungslos anstarren und dann vielleicht sogar lachen. Deine Wut wird nicht mehr ernst genommen. Das ist eine schlimme Demütigung. So geht es auch LehrerInnen, die glauben, sich nur noch schreiend verständlich machen zu können. Auch mir ist das manchmal so gegangen. Totale Hilflosigkeit ist das, und wird von SchülerInnen auch so wahrgenommen. „Ein Hund, der bellt, beißt nicht!“., heißt es. Und es stimmt. Viel gefährlicher ist Ruhe, wenn du eigentlich einen Ausbruch erwartest. Was heißt das nun fürs Radiomachen? Das heißt, dass wir mit Laut und Leise, mit Flüstern und Schreien sehr sorgfältig umgehen müssen, wenn wir die erwünschte Wirkung erzielen wollen.

Was wir mit der Stimme, unserem Werkzeug fürs Radiomachen, alles anstellen können, hat Zegi zusammen gefasst. Wisst ihr noch? „Mit der Stimme kann ich Gefühle ausdrücken“, hat er gesagt. „Jemand, der mich kennt, weiß ganz genau, wie ich drauf bin, wenn ich den Mund aufmache. Er erkennt es an der Stimme.“

Jetzt bin ich schon ganz neugierig, welchen Fragenkatalog ihr zusammen stellt und. mit welchen Interviews ihr in den nächsten Workshop kommt. Auch bin ich neugierig auf eure ersten Beiträge. Das soll ja nicht das Weblog der RadiotrainerInnen werden, sondern unser aller Tagebuch.
Freu mich schon auf den nächsten Mittwoch.

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Über Helmut Hostnig

Lehrer und Radiojournalist

Eine Antwort zu “Wie ein Gerücht entsteht…

  1. Domi

    Die fotos sind echte schnappschüse.,
    hahah. kommt das video auch noch rauf?

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