Bearbeitung eines Märchens fürs Radio

Heute wurde die RadioPoly-Gruppe  mit dem Auftrag überrascht,  ein kurzes chinesisches Märchen in ein Hörspiel zu verwandeln. Radiophones Denken ist gar nicht so einfach. Ein Erzähler – so die Auflage – darf nur eingesetzt werden, wenn etwas nicht hörbar gemacht werden kann. Ein Satz wie der, mit dem das Märchen beginnt: Vor langer, langer Zeit, als es auf der Erde noch keine Tiere gab und auch keine Menschen … ist szenisch nicht umzusetzen und wenn dann ein paar Zeilen später ein Bote zwischen Sonne und Mond hin und her eilt, um Botschaften zu hinterbringen, ist der Einwand von Anita berechtigt, wie denn dieser Bote ausschaut, wenn er kein Mensch ist. Was also ist das für ein Wesen, das zwischen Sonne und Mond eine Hochzeit zustande bringen soll? Die Sonne nämlich ist in den Mond verliebt und macht ihm  einen Heiratsantrag.  Und schon stoßen wir auf  die nächste Schwierigkeit:
Die Sonne ist weiblich und der Mond in der deutschen Sprache männlich.  In den romanischen Sprachen zB. ist es gerade umgekehrt, worauf ein Streit darüber entstand, ob es im Serbokroatischen oder in anderen europäischen Sprachen überhaupt so etwas wie Geschlechtswörter gibt, und überhaupt: Die Sonne kann keine Frau sein. Keine Frau – so der berechtigte Einwand von Loly – macht einem Mann einen Heiratsantrag. Auch nicht in Kroatien. Es ist umgekehrt. Wir müssen also aus der Sonne einen Mann machen und aus dem Mond eine Frau. Da es ein Märchen aus China ist, vermuten wir, dass es im Chinesischen damit kein Problem gibt. Der Mond, – besser: die Mondfrau – erwidert die Liebe des Sonnenmannes nicht. Warum will sie ihn nicht? Dieser Frage wollen wir nachgehen. Warum konnten sie zueinander nicht finden? Welche Gesetze zwingen sie, ihre Bahnen nicht zu verlassen? Wie können wir das auf die Verhältnisse hier und heute herunterbrechen? Bin neugierig, was daraus entsteht. Vielleicht haben sie unterschiedliche Herkunft (die Sonne was besseres? Betucht? .., der Mond arm?), vielleicht brauchen sie einen Dolmetscher, weil sie keine gemeinsame Muttersprache haben. Vielleicht …
Jedenfalls hat Stefan schnell herausgefunden, dass es einen eigenen Sound braucht, wenn die Sonne auftritt oder der Bote oder der Mond, damit der Hörer schnell weiß, wer gerade spricht. Warum das Making of und den ganzen Prozess der Märchenaneignung mitsamt den Fragen, die schon beim ersten Lesen entstanden sind,  nicht auch akustisch wiedergeben? Ja, warum eigentlich nicht!
Wer das Märchen lesen will, hier ist es:

Sonne und Mond: Ein chinesisches Märchen

Vor langer, langer Zeit, als es auf der Erde noch keine Tiere und keine Menschen gab, wollte die Sonne den Mond heiraten. Die Sonne schickte einen Boten aus. Er sollte einen Brief zum Mond bringen.

Als der Bote nach einer langen Reise zum Mond kam, gab er ihm den Brief. Der Mond öffnete ihn und las. Dann lachte er laut und rief: „Die Sonne schreibt, dass sie mich heiraten möchte. So etwas Komisches habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört. Als ob ich sie heiraten würde! Ich mag sie doch gar nicht!“ Aber der Mond wollte die Sonne nicht kränken. Deshalb bat er den Boten: „Sag der Sonne, dass ich mir die Sache durch den Kopf gehen lassen werde!“

Der Bote lief zur Sonne zurück.

Nach einer gewissen Zeit schickte die Sonne ihn noch einmal zum Mond. „Ich warte auf eine Antwort“, stand diesmal in dem Brief. „Wann werden wir endlich heiraten?“ Da sann der Mond nach einer List. „Sag der Sonne, dass ich sie heiraten werde, wenn sie eine Bedingung erfüllt. Kann sie es nicht, werde ich sie nicht heiraten“, gab er dem Boten mit auf den Weg.

Der Bote lief zur Sonne zurück und erstattete Bericht. Aber er hatte kaum Zeit zum Ausruhen. Denn schon wieder wurde er zum Mond geschickt. „Die Sonne schickt mich!“, keuchte der Bote atemlos, als er beim Mond angekommen war. „Sie möchte deine Bedingung hören.“ Der Mond erwiderte: „Sag der Sonne, dass ich sie nur dann heiraten werde, wenn sie mich selber holt.“

Als der Bote der Sonne diese Nachricht überbrachte, lachte sie und meinte: „Wenn’s weiter nichts ist! Das werde ich wohl schaffen!“ Und sie machte sich auf den Weg. Aber als der Mond im Osten ankam, war die Sonne noch im Westen. Und als der Mond im Westen ankam, war die Sonne ganz weit von ihm entfernt im Osten. So sehr die Sonne sich auch anstrengte: Es gelang ihr nicht, den Mond einzuholen. Und so rennt sie bis zum heutigen Tag immer noch hinter dem Mond her.

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Über Helmut Hostnig

Lehrer und Radiojournalist

Eine Antwort zu “Bearbeitung eines Märchens fürs Radio

  1. sarah1110

    Lieber Helmut!
    Das ist eine sehr interessante Frage.
    Ich habe darüber nachgedacht. Meiner Einschätzung nach spielt die Religion eine wichtige Rolle: Bei den Türken ist es zB. so üblich, dass eine junge Frau ihre Jungfräulichkeit erst verlieren darf ,wenn sie mit dem vom Vater gewählten Mann verheiratet ist.
    L.G. sarah

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