Gedichtvisualisierung: Bin Baum mit zwei Stämmen

Wir wollen ein Gedicht visualisieren. Unsere Aufgabe bestand also darin, gemeinsam eine Choreografie für das Gedicht vom „Baum mit den zwei Stämmen“ zu entwickeln. Die Mutter von Asya half uns beim professionellen Schminken der Gesichter. Frau Pranieß, die unsere Gruppe mitbetreut, ließ Plakate in der Schule anfertigen. Drei Stunden haben wir dann am Set gearbeitet. Die TeilnehmerInnen der Gruppe haben vor und hinter der Kamera assistiert, während Frau Serimoglu im Hinterzimmer geschminkt hat. Alles in allem eine schweißtreibende Arbeit. Jetzt muss das noch geschnitten werden.

Überlegungen, die wir dabei angestellt haben:

Texte produzieren Bilder im Kopf. Diese Bilder sind mächtig und helfen uns bei seiner Auslegung und seinem Verständnis. Woher kommen diese Bilder? Wenn wir visualisieren, haben wir einmal unsere auf unseren Erfahrungschatz aufgebauten Verknüpfungen, aber auch die, die der Autor hervorrufen will.  Es ist, als würde ein Film in unserem Kopf entstehen, dessen Bilder nur und erst abreißen, wenn entweder der Text zu Ende ist oder er uns nicht mehr zu Bildern als Übersetzungshilfen anregt. Gute Leser bzw. Autoren schaffen Bilder, die alle ihre Sinne anregen. Die Visualisierung geschieht noch, bevor wir lesen, während wir lesen und nachdem wir gelesen haben und die Bilder wechseln während des Lesens abhängig von der Information, die wir über den Text erhalten.

Bin Baum mit zwei Stämmen from helmut hostnig on Vimeo.

Wozu also einen Text mit filmischen Mitteln auflösen, wirst du jetzt berechtigt fragen. Eine filmische Textvisualisierung kann nur gelingen, wenn wir diese Bilder, die wir im Kopf erzeugt haben,  sprengen und Bildsequenzen anbieten, die nicht erwartet werden. Wenn wir zB. ein Gedicht haben, das von einem Baum mit zwei Stämmen handelt, ein Bild, das als Symbol für die multiethnische Herkunft vieler unserer Mitbürger, aber vor allem unserer Radiogruppe steht, dann darf ich das nicht 1:1 übertragen und wieder einen Baum zeigen.

Ob es gelingt, lippensynchron zu bleiben, ob die Gesichter und das gesprochene Wort, ob die Choreografie im Raum genügen, wird sich herausstellen. Einen Versuch jedenfalls ist es wert. schauen wir mal. Ich hoffe, ihr seid ebenso neugierig wie ich.
Hier das an Maria Bender angelehnte Gedicht, das wir visualisieren wollen:

Ich bin ein Baum, 
bin ein Baum mit zwei Stämmen. 
Ja, ja: mit zwei Stämmen! Ein Baum
Das verstehst Du nicht? 
Ich bin ein Baum 
mit zwei Stämmen 
und einer Wurzel

Du fragst mich, wie ich heiße
Du fragst, wo kommst du her
Bist christ oder bist muslim
Das ist doch einfach ..eiße
Das macht doch keinen Sinn
glaubst du, du weißt jetzt, wer…
du weißt jetzt, wer ich bin?
Ich bin kein zwar noch aber
ursprünglich aus, doch hier…
ich bin alleininhaber
von einem teil von dir
bin türke, serbe, kosovar
und ich denke bipolar
ein pendler zwischen welten
und lasse beide gelten
ich spreche mit zwei zungen
und beinah wäre mir
als sprach-kultur-Nomade
integration
trotz migration
gelungen

schade
hab wohl falsch mitgesungen

Es ist schön und doch schwer, 
zwei Seelen zu haben. 
– Du willst, dass ich eine wähle, 
Nur eine Seele von zwei? 
Ich habe eine Wurzel, zwei Stämme
ein Herz… 
und zwei Seelen

Und will nicht wählen
nie wählen müssen

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Über Helmut Hostnig

Lehrer und Radiojournalist

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