Radio als gruppendynamischer Prozess

Themen finden wir in der täglichen Interaktion mit den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen, wenn wir ihnen zuhören. Wenn es aber Lehrplaninhalte sein müssen, dann werden wir versuchen, sie so aufzubereiten, dass gerade die Schreibschwachen einen Mehrwert haben. Das geschieht vor allem, indem wir versuchen, diese Inhalte auf ihre Lebenswirklichkeit herunter zu brechen. So könnte zB. das Thema (Cyber)Mobbing oder neusprachlich Dissen (aus dem Battle-Rap stammend auch Bullying) in seiner radiophonen Aufarbeitung für den Deutschlehrer durchaus gleichwertig mit einer schriftlichen Schularbeit sein und beurteilt werden, wenn Noten denn sein müssen.

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Ein Mädchen – nennen wir es Laura – besucht die 9. Schulstufe. Es erzählt MitschülerInnen in der Pause, wie es auf einem Sommerlager von einem anderen Mädchen – nennen wir es Deborah – „gemobbt“ wurde. Ich höre zufällig mit und beschließe, diese Geschichte bei nächster Gelegenheit mit verteilten Rollen nachspielen zu lassen. Es geht also um Dramatisierung einer Geschichte mit medienspezifischen Mitteln. Das macht nicht nur großen Spaß, sondern wir lernen ohne es zu wissen, Doch falls uns bewusst werden sollte, dass wir lernen, tun wir es aus eigenem Antrieb, weil wir mehr über Mobbing, seine Ursachen, seine Folgen und mehr über Strategien erfahren wollen, wie Mobbing im System Schule stattfindet, wie es verhindert oder wie damit umgangen werden kann. Steht das im Lehrplan? Nein. Oder vielleicht doch? Wird nicht auch soziale Kompetenz als Bildungsauftrag von uns PädagogInnen eingefordert? Ist Medienbildung vielleicht auch Persönlichkeitsbildung? Selbstverständlich. Wer immer sich auf ein Medienprojekt eingelassen hat, wird bestätigen, dass es auch gruppendynamische Prozesse in Gang setzt, die emotionales Lernen möglich machen oder soziale Kompetenz vermitteln.Wir versuchen das von Laura Erzählte mit verteilten Rollen nachspielen zu lassen. Wir erörtern die jounalistischen W-Fragen und entwickeln eine radiophone Grammatik für das geplante Hörspiel, indem wir uns immer wieder vor Augen führen mussen: Radio ist Kino im Kopf!. Wo spielt die Szene, welche Personen kommen vor, wer macht den Erzähler, welche Atmos brauchen wir? Wir – um es in Erinnerung zu rufen – begleiten nur, initiieren Prozesse, leiten aber nicht.  Es gibt Vorschläge, die diskutiert werden. Jeder/jede hat andere Fähigkeiten. Anita – die beste Freundin von Laura, will Deborah nicht spielen, weil sie auch im Spiel ihre Freundin nicht beleidigen will. Selbst andere Namen ändern nichts daran. Eine Diskussion entsteht: Was ist Spiel? Was ist wirklich? Was Fiction und was Doku? Das kennen sie aus dem Fernsehen. Das Hörspiel wird sich also im Graubereich dazwischen bewegen. Wer spielt den Vater? Wer die Heimleiterin? Sollen das die Kids oder Erwachsene machen? Was ist glaubwürdiger und sorgt für den notwendigen Ernst? Wir schlagen vor, dass die Lehrerin die Rolle der Heimleiterin übernimmt. Zum ersten Mal erleben sie eine Lehrerin, die sie ja aus dem Unterricht kennen, in einer anderen Rolle. Sie hält eine Ansprache an die Gruppe. Anita wagt zaghaften Widerspruch. Wir ermutigen sie heftiger zu reagieren. Ein verbaler Schlagabtausch im Rahmen des Spieles entsteht. Wir staunen. An der Lehrerin ist eine Schauspielerin verloren gegangen. Wie aus dem Nichts entsteht zwischen den beiden ein neues Verhältnis. Eines von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt. Denn auch Naomi versteht zu spielen und zwischen ihrer Rolle und Person zu unterscheiden.
Der Erzähler weiß nicht, wie er formulieren soll. Er beginnt zu stottern, ringt nach Worten, bindet sich einen Schal um die Augen und glaubt so, dass er nun freier sprechen kann. Soll ich ihn erlösen oder von der Gruppe verlangen, dass sie ihm die Zeit einräumt, die er eben braucht, um die erzählerischen Brücken zwischen den Szenen zu bilden. Wir sind ein Team oder wollen eins werden. Die Gruppe wird die Geduld aufbringen müssen. Das verlangt soziale Kompetenz. Einige haben sie, andere noch nicht. Geduld. Geduld. Ist das Produkt wichtiger als der Prozess? Inwieweit soll ich in die Gruppendynamik eingreifen? Radioarbeit darf weder Chaos noch den Konflikt scheuen. „Thomas“ hat das Handtuch von den Augen genommen. Er möchte, dass ein anderer den Erzähler spielt. Vielleicht das nächste Mal. Vielleicht in einer noch kleineren Gruppe. Vielleicht gelingt ihm ein freies Sprechen nur unter vier Augen. Wir werden sehen.
Übrigens habe ich auf Spiegel online einen erschütternden Bericht über Mobbing und seine Folgen gelesen! Das lädt vielleicht zu einer Diskussion ein.

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Über Helmut Hostnig

Lehrer und Radiojournalist

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