Bedingungslose Liebe! Gibt es die?

Nach der hitzig geführten Debatte über Liebe im Allgemeinen und den Problemen, die Jugendlichen aus ihr entstehen können, besteht der zweite Radiobeitrag  aus zwei Fragestellungen.
1. Was ist emotionale Erpressung und nach welchem Muster läuft sie ab? und
2. Gibt es bedingungslose Liebe überhaupt?
Diesen zwei Fragen wird mit unterschiedlichen und dem Medium eigenen Mitteln nachgegangen. Es hat sich geradezu angeboten, Emo-Erpressung als Hörspiel zu inszenieren, da etliche Jugendliche mit dem Ausspruch „Wenn du mich wirklich gern hättest, dann würdest du…“ schon öfter konfrontiert waren. Dabei wissen sie sehr gut zwischen Erpressung, Manipulation und einer mit Druck arbeitenden Bitte zu unterscheiden und geben in Gesprächen auch zu, dass sie selbst oft nicht nur Opfer waren, sondern in ihren Beziehungen dieses Mittel eingesetzt haben, um gegen den Willen ihrer PartnerInnen – das können Geschwister oder FreundInnen sein – etwas zu erreichen. Jeder Satz, der mit der Möglichkeitsform II beginnt und noch ein „wirklich“ enthält, erzeugt Druck. Wärest du wirklich mein(e) Freund(in), dann würdest du jetzt …. Will man diesem Druck nicht nachgeben, erzeugt das wiederum Schuldgefühle. Wer sich nicht rechtzeitig zur Wehr setzt und immer wieder nachgibt, der wird sich am Ende fragen, warum er das alles mit sich geschehen hat lassen und den emotionalen ErpresserInnen das Recht eingeräumt hat, von ihnen nach ihren Vorstellungen gebogen und manchmal sogar gebrochen worden zu sein.

Monja hat ja in ihrem Beitrag darüber berichtet, was ihr Exfreund alles von ihr verlangt hat, bis sie mit ihm Schluss gemacht hat.

Im zweiten Teil des Radiobeitrags gingen die Kids von Radiopoly in Teams auf die Straße, um Passantenmeinungen zu einem Satz des chinesischen Philosophen Konfuzius einzuholen; Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer. Sie waren von den differenzierten Aussagen und vor allem von der Tatsache sehr beeindruckt, dass einige PassantInnen wussten, von wem der Spruch stammte und setzten sich dann auch in Gesprächen über das, was sie gehört hatten, inhaltlich auseinander. Dabei hatte es ihnen vor allem der Einwand einer Frau angetan, die gemeint hat, dass Liebe immer an Bedingungen geknüpft sei und sie sich zB. nicht vorstellen könne, mit einem Behinderten zusammen zu sein, außer er würde durch einen Unfall behindert sein, nachdem sie ihn kennen gelernt hatte.

So glaube ich durchaus, dass die wochenlange Auseinandersetzung mit diesen Themen, die ja in der Schule selten besprochen werden, ihre Einstellungen verändert oder sie zumindest für das sensibilisiert haben, was anfänglich wie eine harmlose Bitte daherkommt, sich aber später als der Beginn von emotionaler Erpressung erweist.

Ihr fladert uns das Herz…

Hier zum Radiobeitrag: LIEBE mit 15! 
Wenn man Jugendlichen Aktivitäten anbietet, die ihren Bedürfnissen entsprechen, sind sie immer diszipliniert, und wir, die  Erwachsenen können im Dialog mit ihnen die auflodernden Buschbrände, die in der Pubertät gehäuft auftreten, löschen helfen.
Letzten Mittwoch wurden wir – wie sooft – wieder einmal Zeugen davon, dass es den Jugendlichen nach kurzer Anleitung durchaus gelingt, eine themengebundene Diskussion zu führen, in welcher sie – in einer ihnen fremden Sprache um Worte ringend – einander zuhören, auf die Gegenargumente eingehen, neue Fragen aufwerfen, Abschweifungen lachend erkennen, und es nach 30 Minuten hitziger Debatte bedauern, dass keine Zeit mehr bleibt, sie weiter zu führen. Zugegeben: Das Thema „Liebe“ ist ein Dauerbrenner gerade für diese Altersstufe, aber es wird nur in informellen Zwiegesprächen, selten in den Peergroups und noch seltener in der Schule  als ein Gegenstand notwendiger Auseinandersetzung be- oder verhandelt. Interessant ist, dass sich die Rollenbilder migrantischer Jugendlicher – wo immer sie herkommen – kaum von unseren damals  vor 40 Jahren unterscheiden.  In Zeiten digitaler Netzwerke wollen und müssen die Mädchen in Chatrooms noch immer darauf warten, von den Jungs zum Chatten aufgefordert zu werden. „Wir kommen uns sonst vor wie Stalker!“, sagen Naomi und Bolenge, beide aus dem Kongo. Buben müssen also noch immer den ersten Schritt tun. Das ist so. Und vergessen dabei ganz, wie sie darauf auch in der Diskussion aufmerksam gemacht werden, dass auch Buben oft schüchtern sind. Die aber werden zu mehr Mut aufgefordert. Bevor ich aber die ganze Diskussion transkribiere, hört selbst hinein. Ein Satz aber noch, der uns Erwachsene verblüfft hat, aber auch gut zeigt, wie gut ein im Kongo aufgewachsenes Mädchen zumindest sprachlich wie mit ana schwoazn Tint’n reden kann, will ich hervorheben. Er sei den Buben und uns Männern hinters Ohr geschrieben. Hier ist er: „Ihr fladert uns das Herz und dann werft ihr es uns gebrochen vor die Füße.“ Das ist Lyrik.

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